Häftlingsbiographien

Luzia West, Häftling im Strafgefangenenlager III
Rhede/Brual

 

Luzian West wurde am 30.03.1914 als Sohn des Elektrikers Jakob West und seiner Ehefrau Anne West in Rosheim geboren. Er ging vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr zur Volksschule. Vom vierzehnten bis zum siebzehnten Lebensjahr machte er eine Ausbildung zum Elektriker, anschließend leistete er in Straßburg Wehrdienst als Pionier in der französischen Armee. Nach der Entlassung aus dem Wehrdienst heiratete er seine Frau Marie. Am 11.09.1935 wurde er erstmals Vater von einem Sohn. Drei Jahre später, am 18.08.1938, bekamen sie eine Tochter. Am 26.05.1943 wurde er in die Deutsche Wehrmacht eingezogen. Im Oktober wurde er dann von der Kriegsmarine übernommen und musste nach Schlochau.

Am 28.02.1944 schrieb er einen Brief an einen Freund, mit dem er als Soldat an der Ostfront war (bei Minsk), in diesem Brief äußerte er sich zur Situation im Osten: „Na wie steht es bei euch? So wie man hört, geht es ja ganz schlimm zu im Osten, wenn es so weiter geht da kannst auch einmal dich aus den Staube machen. Na wir hoffen das Beste und hoffen, dass der Krieg bald zu Ende geht, aber der Sieg muss unser sein.“ In einem weiteren Brief an einen ehemaligen Arbeitskollegen schrieb er unter anderem: ,,(…) ich habe schon lange die Nase voll, aber ich denke, dass es bald zu einem Ende kommt. Habe doch nicht gedacht, dass ich so lange herumturnen muss, aber ich glaube doch, dass ich die längste Zeit herum habe(…) Gruß an den ganzen Betrieb…“ Auch schrieb er: „ (…) die wissen wie wir eingestellt sind, wir bekommen keinen Urlaub mehr für zu kämpfen sind wir gut, aber für den Rest kennen sie uns nicht aber die Stunde wird ja kommen, auf die wir schon lange warten, aber da gibt es auch kein Pardon mehr(…)“

In seinen Briefen deutete er an, dass Elsässer keinen Urlaub bekämen und als ,,nur“ Reichsdeutsche schlechter behandelt werden würden, nach dem Krieg jedoch die ,,Abrechnung“ kommen werde. Beide Briefe wurden bei der Postkontrolle abgefangen und gelesen. Daraufhin wurde Luzian West am 28. Juli 1944 von einem Feldkriegsgericht in Gotenhafen wegen Zersetzung der Wehrkraft zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Außerdem wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte für zwei Jahre aberkannt und seine Wehrunfähigkeit festgestellt. Außerdem wurde erlassen, dass Luzien West seine Strafe erst nach Kriegsende verbüßen könne und bis dahin in einem Strafgefangenenlager unterzubringen sei. Zunächst gelangte West in das Strafgefängnis Danzig und wurde von dort nach Rhede verlegt. Dort wurde er im Strafgefangenenlager III eingesperrt. Über seinen weiteren Werdegang ist leider nichts bekannt.

Quelle:
Nds. Landesarchiv Osnabrück: Rep. 947 LIN II, Akz. 2009/007 Nr.289
Zur Verfügung gestellt von der Gedenkstätte Esterwegen, Dr. Weitkamp


Michael Peschina, Häftling im Strafgefangenenlager III
Rhede/Brual

Mein Name ist Michael Peschina. Ich bin am 14.08.1902 in Großtajax (Tschechien) geboren. In meinem letztem Wohnort, Zwingenhof, habe ich als Melker gearbeitet. Mit meiner Frau Wilhelmine Schenk habe ich drei Kinder. Ich kaufte mir vor Kriegsbeginn einen Radioapparat, mit dem ich mehrere Auslandsstationen empfangen konnte. Von September 1939 bis zum 6. November 1939 hörte ich ausländische Nachrichten, unter anderem aus London und Lyon. Ich erzählte Obermelker Hauser, was ich hörte. Er hat mich verraten und sagte dann zusammen mit den Zeugen Grünzweig und Zwicker vor Gericht gegen mich aus. Ich wusste nicht, dass die Tat so hart bestraft wird, deshalb habe ich sie gestanden.

Am 17. April 1940 wurde ich vom Landgericht Wien nach §§ 1&2 d.Vdg. über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Ich wurde ins Emsland gebracht. Am 17.03.1942 wurde ich in das Lager lll in Rhede verlegt. Im Lager habe ich immer gut mitgearbeitet und mich nie beschwert. Doch im Laufe der Zeit hat sich eine Phlegmone an meinem Mittelfinger der rechten Hand gebildet.Deshalb war ich nicht mehr arbeitsfähig. Als die Phlegmone abgeheilt war, versteifte sich mein Finger. Aus dem Grund arbeitete ich ein paar Monate
nicht.

Damit ich wieder arbeiten konnte, sollte mir der Finger, gegen meinen Willen, amputiert werden. Zum Glück hat Dr. Hillmann dem Arzt gesagt, dass er meinen Finger ohne meine Einwilligung nicht abnehmen darf. Im Anschluss musste ich mit meinem versteiften Finger wieder anfangen zu arbeiten. Mit der Zeit verschlimmerte sich der Schmerz im Finger und er wurde mir schließlich doch amputiert, um meine Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Am 30.04.1942 führte der Vorsteher des Lagers lll mit mir ein Gespräch. Es ging um eine baldige Entlassung, weil ich gute Arbeit geleistet habe und mein falsches Verhalten eingesehen habe. Ich wurde am 20. Mai 1942 aus dem Lager III entlassen.

Anmerkung: Der Text ist aus der Ich-Perspektive geschrieben worden und beruht auf der Gefangenenakte des Häftlings Peschina. Alle inhaltlichen Fakten und Abläufe sind dieser Akte entnommen, wurden jedoch von den SuS in die Ich-Perspektive versetzt.

Quelle:
Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück: Rep. 947 Lin. II, Akz. 2009/007 Nr.583.
Zur Verfügung gestellt von: Gedenkstätte Esterwegen, Herr Dr. Weitkamp.


Franz Adolf Martin, Häftling im Strafgefangenenlager III Rhede/Brual

Mein Name ist Franz Adolf Martin. Ich wurde am 02.04.1920 in Mannheim geboren. Mit einer Größe von 1,80m war ich als Jugendlicher und Erwachsener durchschnittlich groß. Zudem hatte ich blondes Haar und eine schlanke Figur. Ich war ein Reiter und ehemaliger Soldat. Meine Mutter hieß Emma (geborene Bocher). Mein Vater hieß Josef und war Metzgereimeister.

Von meinem 6. bis zum 14. Lebensjahr besuchte ich die Volksschule und anschließend die Fortbildungsschule. Dann lernte ich auf dem Edingerhof in Heidelberg.

Ich blieb bis zum Beginn meiner Dienstzeit am 15. März 1940 in der Landwirtschaft tätig. Am 17.10.1940 wurde ich zum Militär einberufen und verblieb dort bis zum 23.10.1943. Während meiner Dienstzeit machte ich den Landfeldzug in Frankreich und auf dem Balkan mit.

Während meiner Militärzeit wurde ich mehrmals bestraft und hatte einige Vorstrafen, da ich oft in Schlägereien verwickelt war. Als ich an einer Vereiterung in der Leistengegend erkrankte, musste ich behandelt werden. Nach meiner  Behandlung in einem Feldlazarett in Minsk wurde ich  am 07.12.1942 zu einem Ersatztruppenteil nach Trier versetzt. Am 11.12.1942 fuhr ich nach Deutschland und kam in Eydkau an, wo ich die Fahrt unterbrach, um die Eltern eines Kameraden zu besuchen.

Am 16.12.1942 kam ich in Berlin an und übernachtete eine Nacht im Wartesaal. An dem darauffolgenden Tag ging ich los, um mir Lebensmittelmarken geben zu lassen. Am selben Tag bin ich festgenommen worden, da ich unerlaubt mehr als einen Tag von der Dienststelle ferngeblieben war. Den Beamten erzählte ich, dass ich meinen Zug nach Trier verpasst hatte, damit ich eine Strafmilderung bekam. Letztendlich bekam ich 6 Monate Haftstrafe, weil es das Militärstrafgesetzbuch laut §64 so vorschrieb. Auf die 6 Monate kam eine Milderung, da ich nicht unter strenger Kontrolle stand und die Entfernung zur Dienststelle verhältnismäßig kurz war. Jedoch kam noch ein Monat zusätzlich dazu, weil ich meine vorherigen Strafen nicht ernst genommen hatte. Ich wurde in das Strafgefangenenlager III nach Rhede verbracht, aus welchem ich am 03.09.1944 flüchtete.

Ich lernte in meiner Baracke 3 einen Strafgefangenen namens Karl Drewinski kennen, dieser wollte mit mir flüchten. Am 3.09.1944 sind wir durch das Klosett in der Mitternachtspause nach Holland geflüchtet. Als wir bemerkten, dass nach uns gesucht wurde, gruben wir uns in ein Feld ein, um uns zu verstecken. Am Abend schliefen wir in einem Schuppen bei einem Bauern, dieser verpflegte uns 10 Tage lang. Uns wurde außerdem geholfen, weiter nach Holland zu gelangen. Dort wurden wir einem weiteren Bauern übergeben und traten der holländischen Untergrundbewegung bei.

Ein anderer Bauer besorgte uns Ausweispapiere und brachte uns weiter zu einer Familie am Staatskanal. Dort bekamen wir den Auftrag, uns an einer Sprengung des Sicherheitsdienstes in einem Hotel in Ter Apel  zu beteiligen. Dies lehnten wir aber ab und wurden daraufhin am 01.10.1944 auf ein Feld geschickt. Hier warteten zwei Männer auf uns und fingen an auf uns beide zu schießen. Ich bekam einen Schuss in den rechten Unterarm ab, Karl konnte flüchten.

Ich lief davon und ließ mich in einem Dorf von einem Arzt behandeln. Ich war 5 Wochen lang im Notkrankenhaus in Nykerk, als Taubstummer und Verwundeter. Dort machte ich mit jemandem Bekanntschaft, der mich nach Forthausen und später zu einer Hühnerfarm brachte. Dort traf ich mich mit mehreren Engländern und Amerikanern.

Am 16.11.1944 wurden wir an der Arnheimer Bahn von deutschen Soldaten gestellt und beschossen. Ich wurde von der deutschen Wehrarmee verhört und kam ins Kriegsgefangenenlager in Ammerfort. Dann brachte man mich in das Wehrmachtsgefangenlager nach Groningen und im Februar 1945 kam ich wieder zurück nach Rhede.  Aufgrund meiner Fahnenflucht bzw. meines unerlaubten Wegbleibens von meinen soldatischen Verpflichtungen, bekam ich ursprünglich 5 Jahre Zuchthaus, doch mir wurde versprochen, mich auf freien Fuß zu lassen, sofern ich die Untergrundbewegung in den Niederlanden aufdeckte und Beweise hierfür lieferte. Ebenso verlor ich meine Wehrwürdigkeit.

Nun stehen mir noch 9 Monate Haftstrafe aufgrund von Diebstahl und dem Fernbleiben der Dienststelle bevor, welche ich nach Kriegsende antreten soll, bis dahin muss ich im Strafgefangenenlager III in Rhede verbleiben.

Anmerkung: Der Text wurde von den SuS in der Ich-Perspektive geschrieben, beruht jedoch auf den Inhalten der Strafakte und beruht nur auf Daten aus dieser.

Quelle: Nds. Landesarchiv Osnabrück: Rep. 947 Lin II, Akz. 2009/007 Nr.148 Zur Verfügung gestellt von der Gedenkstätte Esterwegen, Dr. Weitkamp.